natura2000 MANAGER Thüringen:
„Grundlagen, Ökologie und Management von Natura2000-Arten und -Lebensraumtypen in Thüringen“

Prof. Dr. Stefan Brunzel
Landschaftsarchitektur
Biologische Vielfalt /
Artenschutz

Fachhochschule Erfurt

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Schlucht- und Hang-Blockschuttwälder
© Foto: R. Manderbach, www.deutschlands-natur.de

Schlucht- und Hangmischwälder

Schlucht- und Hangmischwälder Tilio-Acerion. Natura2000 - Code: 9180*

Auf steilen Hängen mit grobschotterigem oder blockigem Substrat (häufig Basalt-Blockschutt) wachsen an wärmebegünstigten Standorten Linden-(Spitz-)Ahorn-Mischwälder, in von Kaltluft beeinflussten, feuchten und engen Talkerben gedeihen Bergahorn-Eschen-Bergulmen-Mischwälder mit weniger Linde.

Erstere besitzen in der Krautschicht nur wenige charakteristische Arten, die auch in anderen Wald-Gesellschaften vorkommen, wie z.B. Vincetoxicum hirundinaria oder Galium sylvaticum aus den Labkraut-Eichen-Hainbuchenwäldern des LRT 9170. Letztere sind durch Bergulme gekennzeichnete Blockschutt- und Schluchtwälder in kühl-feuchteren Mesoklimaten, die in der Krautschicht auf Kalk als Charakterarten regelmäßig Phyllitis scolopendrium, auf weniger basischem Substrat häufig Polystichum aculeatum, Lunaria rediviva und typischerweise Festuca altissima aufweisen. Die Bestände sind nicht zuletzt durch abgestorbene Bergulmen licht und deshalb farn- und moosreich. Aufgrund der Steilheit der Standorte kommt es häufiger zu Bodenrutschungen, weshalb die Standorte häufig sehr gut mit Nährstoffen versorgt sind (vgl. Oberdorfer 1993, Ellenberg & Leuschner 2010). Deshalb und infolge der z.B. in engen Talkerben guten Durchfeuchtung des Bodens fallen Bestände des Tilio-Acerion häufig durch nitrophytische Großstauden wie Arctium nemorum oder Urtica dioica auf. Letztere hat hier neben den Flussauen ihren ursprünglichen Standort in einer vom Menschen noch nicht „hoch“ gedüngten Landschaft (vgl. Wilmanns 1998, Ellenberg & Leuschner 2010).

Auch die Waldgesellschaften des Tilio-Acerion und damit des LRT 9180 weichen demnach der Dominanz der Buchenwälder in Mitteleuropa in zwei Richtungen aus: Zum einen auf trocken-warme, grobblockig-lückige Substrate, wo Frost und Trockenheit weit in den Boden hineinwirken können und dadurch vor allem die Etablierungsbedingungen für junge Buchen ungünstig sind (Ellenberg & Leuschner 2010). Zum anderen weichen sie der Buchendominanz in die schon erwähnten, Kaltluft-geprägten „Schlucht“-Situationen in Talkerben aus, wo dann Ulmus glabra kennzeichnend ist und die Konkurrenzkraft der Buche durch Spätfröste und Hangrutschungen gemindert ist.

Beschreibende Pflanzenarten

HirschzungenfarnWinterlinde

Verbreitung

In Deutschland ist dieser Lebensraum recht verbreitet, wo es Blockschutt oder Schluchtsituationen in den Mittelgebirgen gibt. Die Wälder sind selten großflächig, sondern fast immer auf eher eng umgrenzten Sonderstandorten. Aufgrund der speziellen Geographie - also Steillagen mit Blockschutt oder enge Schluchten - liegen die Schwerpunkträume in den Mittelgebirgen und im Voralpenraum, in den nördlichen Bundesländern treten sie eher selten auf bzw. fehlen ganz.

© Verbreitungskarte. Quelle: BfN/BMUB 2013: Nationaler Bericht Deutschlands nach Art. 17 FFH-Richtlinie, 2013; basierend auf Daten der Länder und des Bundes. Datengrundlage: Verbreitungsdaten der Bundesländer und des BfN. URL: www.bfn.de (zuletzt aufgerufen am: 23.02.2016)

Gefährdung und Management

Gefährdet sind die Wälder vor allem durch zu intensive Forstwirtschaft und Aufforstung mit anderen Baumarten. Pflegemaßnahmen sind zum Erhalt des Lebensraumtyps nicht erforderlich. Die forstliche Nutzung ist an vielen dieser Standorte kaum möglich und sollte in FFH- und Schutzgebieten ganz unterbleiben.

Kartierhinweise

Von den Hainbuchenwäldern (Lebensraumtypen  9160 und  9170) grenzt sich der LRT durch die geringe Beteiligung der Hainbuche sowie der Carpinion-Arten ab. Die Abgrenzung von Buchenwäldern (Lebensraumtypen  9110,  9130 und  9150) ergibt sich durch das weitgehende Fehlen der Buche in der Baumschicht.

Literatur

  • Bohn, U. & Welß, W. (2003): Die potentielle natürlich Vegetation. In: Nationalatlas Bundesrepublik Deutschland; Klima, Pflanzen- und Tierwelt. Spektrum Akademischer Verlag Heidelberg-Berlin, S.84-87.
  • URL: BfN www.bfn.de/lrt/0316-typ9180.html
  • Oberdorfer, E. (Hrsg.) (1993): Süddeutsche Pflanzengesellschaften. Teil IV. Wälder und Gebüsche. G. Fischer, Jena. 862 S.
  • Ellenberg, H. & Leuschner, C. (2010): Vegetation Mitteleuropas mit den Alpen. 6. Aufl. Ulmer Stuttgart. 1357 S.
  • Wilmanns, O (1998): Ökologische Pflanzensoziologie. 6. Aufl. UTB. 405 S.

Datum: 23.05.2019
Online: https://www.natura2000manager.de/oekologie/lebensraeume/waelder/schlucht-und-hangmischwaelder-tilio-acerion/
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