natura2000 MANAGER Thüringen:
„Grundlagen, Ökologie und Management von Natura2000-Arten und -Lebensraumtypen in Thüringen“

Prof. Dr. Stefan Brunzel
Landschaftsarchitektur
Biologische Vielfalt /
Artenschutz

Fachhochschule Erfurt

Vorlesungsmaterial / Slides

Idealisierte Hochmoorentwicklung Bulten-Schlenken-Gemeinschaften

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Naturnahe Hochmoore
© Foto: R. Manderbach, www.deutschlands-natur.de

Lebende Hochmoore

Lebende Hochmoore. Natura2000 - Code: 7110*

Es handelt sichum natürliche oder naturnahe Hochmoorkomplexe mit weitgehend ombrotrophem, also regenwassergespeistem Nährstoffhaushalt auf Torfsubstraten. Häufig tritt eine uhrglasförmige Aufwölbung mit mooreigenem Wasserspiegel auf, der deutlich über dem umgebenden Grundwasserspiegel liegt. Zum Hochmoorkomplex gehören alle innerhalb des Randlaggs gelegenen Bereiche der zentralen Moorfläche mit ihren Biotoptypen, z. B. Bulte, Schlenken, Kolke, huminsäurehaltige Stillgewässern und der sog. Randlagg. Locker mit Einzelbäumen oder mit Gebüschen bestandene Bereiche, z. B. mit Spirken oder Latschen können auf der Moorfläche vorhanden sein. Hohe Niederschläge bilden die Voraussetzung bzw. ermöglichen eine Torfbildung (aktives Moorwachstum).

Torfmoose (Sphagnum spp.) sind die dominanten Pflanzen und die Voraussetzung für eine Hochmoor-Torfbildung. Typische höhere Hochmoorpflanzen sind die Moosbeere (Vaccinium oxxycoccus), das Scheidige Wollgras (Eriophorum vaginatum) oder die Rosmarinheide (Andromeda polyfolia).

Unter den Insekten gibt es ebenfalls angepasste typische Arten, so den Hochmoor-Laufkäfer (Carabus menetriesi) und einige andere Käfer dieser Familie oder die Schmetterlinge Hochmoor-Gelbling (Colias palaeno), Moosbeerenbläuling (Plebejus optilete) und Moor-Perlmutterfalter (Boloria aquilonaris).

Man findet auch verschiedene Moorlibellenarten wie Torf-Mosaikjungfer (Aeshna juncea), Hochmoor-Mosaikjungfer (Aeshna subarctica), Kleine und Nordische Moosjungfer (Leucorrhinia dubia, Leucorrhinia rubicunda), Alpen-Smaragdlibelle (Somatochlora alpestris), Arktische Smaragdlibelle (Somatochlora arctica) und in den Alpen die Alpen-Mosaikjungfer (Aeshna caerulea).

Die Kreuzotter ist eine typische Hochmoorart, jedoch nicht ausschließlich an Hochmoore gebunden. Unter den Vögeln gibt es keine reinen Hochmoorarten, jedoch sind einige Arten hier verbreitet, wie Schwarzkehlchen (Saxicola rubicola), Bekassine (Gallinago gallinago), Großer Brachvogel (Numenius arquata), Sumpfohreule (Asio flammeus), Ziegenmelker (Caprimulgus europaeus) oder Raubwürger (Lanius excubitor).

Beschreibende Pflanzenarten

MoosbeereRundblättriger SonnentauScheiden-Wollgras

Verbreitung

In Deutschland findet man naturnahe Hochmoore vorwiegend in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und besonders gut ausgeprägt am nördlichen Alpenrand. Die Voraussetzung für das Vorkommen des Lebensraumtyps ist ein feuchtes Klima mit großen Niederschlagsmengen und eher kühler Witterung. Das Foto entstand nicht in Deutschland, sondern von einer Aussichtsplattform in Österreich.

 

© Verbreitungskarte. Quelle: BfN/BMUB 2013: Nationaler Bericht Deutschlands nach Art. 17 FFH-Richtlinie, 2013; basierend auf Daten der Länder und des Bundes. Datengrundlage: Verbreitungsdaten der Bundesländer und des BfN. URL: www.bfn.de (zuletzt aufgerufen am: 23.02.2016)

Gefährdung und Management

Torfabbau ist die Haupt-Gefährdungsursache, die in Deutschland besonders in der Vergangenheit zur Zerstörung der Hochmoore geführt hat. Entwässerung und die folgende Umwandlung der Flächen in Grünland, Aufforstung oder Nährstoffeintrag aus umgebenden Flächen sind weitere wesentliche Beeinträchtigungen.

Der typische Wasser- und Nährstoffhaushalt sowie der Gewässerchemismus müssen gesichert werden. Im Randbereich sollten Pufferzonen den Eintrag von Nährstoffen aus den umgebenden Flächen minimieren. Im Regelfall ist keine Pflege erforderlich. In den letzten Jahren haben allerdings u.a. durch die Nährstoffeinträge aus der Luft die Gehölzbestände vieler Hochmoore deutlich zugenommen bzw. sind deutlich dichter geworden. Hier kann u.U. eine zeitweise Gehölzentnahme sinnvoll sein.

Kartierhinweise

Wesentliche Voraussetzung für die Ansprache als Hochmoor ist das Vorhandensein eines intakten Hochmoorkerns mit seiner typischen Struktur und seiner typischen Vegetation. Stellt dieser Kern einen Übergang zum Niedermoor dar, so ist der Moorkomplex als Übergangs- und Schwingrasenmoor (Lebensraumtyp 7140) zu erfassen. Besonders in kontinental getönten Gegenden mit geringeren Regenmengen sind die Übergänge zwischen den ombrotrophen Hochmooren und den minerotrophen Übergangs- und Zwischenmooren fließend und eine Unterscheidung nicht immer leicht.

Die Abgrenzung umfaßt alle Biotope, die zu dem jeweils ausgebildeten Biotopkomplex gehören. Sie soll möglichst so vorgenommen werden, dass sie in hydrologischer und edaphischer Sicht eine funktionale Einheit umfasst: Grenze des Lebensraumtyps ist das Randlagg. Für die Gebietsabgrenzung bei einer Meldung für Natura 2000 sind darüber hinaus angrenzende Flach- und Übergangsmoorbereiche (u. a. LRT 7230) in den gesamten zusammenhängenden Torfkörper einzubeziehen.

Problematisch ist die Abgrenzung zum Lebensraumtyp  Geschädigte, regenerierbare Hochmoore (LRT 7120). In diesem Lebensraumtyp sollten alle Hochmoorbestände vereinigt werden, die auch in ihrem Kernbereich schon deutliche Beeinträchtigungen zeigen, z. B. infolge (Teil-)Abtorfung. Bestände, die einen weitgehend intakten Hochmoorkern mit typisch ausgebildeter Vegetation zeigen, aber in den anderen Bereichen des Moorkomplexes bereits Beeinträchtigungen aufweisen, sind (noch) als Naturnahe lebende Hochmoore einzustufen. Moorwälder und Moorrandwälder außerhalb des Randlaggs sind als Lebensraumtyp  91D0 zu erfassen. Kolke, Mooraugen und Moorseen (größere dystrophe Gewässer) sind nach Auffassung der EU separat als Lebensraumtyp 3160 anzugeben, ebenso Bestände von Rhynchosporion-Vegetation als Lebensraumtyp 7150.

Literatur

  • URL: BfN www.bfn.de/lrt/0316-typ7110.html
  • Oberdorfer, E. (Hrsg.) (1998): Süddeutsche Pflanzengesellschaften Teil I. Fels- und Mauergesellschaften, alpine Fluren, Wasser-, Verlandungs- und Moorgesellschaften. G. Fischer, Jena, 4. Aufl.315 S.
  • Ellenberg, H. & Leuschner, C. (2010): Vegetation Mitteleuropas mit den Alpen. 6. Aufl. Ulmer Stuttgart. 1357 S.
  • Wilmanns, O (1998): Ökologische Pflanzensoziologie. 6. Aufl. UTB. 405 S.
  • Poschlod, P. (2015): Geschichte der Kulturlandschaft. Ulmer, Stuttgart. 320 S.
  • Succow, M. & Jeschke, L. (1990): Moore in der Landschaft. 2. Aufl. Urania. Berlin. 268 S.
  • Blackbourn, D. (2007): Die Eroberung der Natur - ine Geschichte der deutschen Landschaft. Pantheon. München. 592 S.

Datum: 08.12.2019
Online: https://www.natura2000manager.de/oekologie/lebensraeume/moore/lebende-hochmoore/
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