natura2000 MANAGER Thüringen:
„Grundlagen, Ökologie und Management von Natura2000-Arten und -Lebensraumtypen in Thüringen“

Prof. Dr. Stefan Brunzel
Landschaftsarchitektur
Biologische Vielfalt /
Artenschutz

Fachhochschule Erfurt

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Pfeifengraswiesen
© Foto: R. Manderbach, www.deutschlands-natur.de

Pfeifengraswiesen

Pfeifengraswiesen auf kalkreichem Boden, torfigen und tonig-schluffigen Böden (Molinion caeruleae). Natura2000 - Code: 6410

Planare bis montane Pfeifengraswiesen auf basen- und v.a. kalkreichen und seltener auch sauren (wechsel-)feuchten Standorten. Entstanden i.d.R. durch extensive späte Mahd ("Streuwiese", "Streumahd"). Pfeifengraswiesen reagieren sehr empfindlich auf Düngung und Veränderung des Nutzungs-(Mahd-)regimes. Anklänge an primäre Pfeifengraswiesen kommen unter besonderen lokal-klimatischen Bedingungen (Kaltluftstau) vor.
Die Streuwiesen im Alpenvorland auf Kalk weisen bei optimaler Bewirtschaftung (keinerlei Düngung und Mahd erst August/September) sowie unverändertem  Wasserregime (i.d.R. sehr feucht bis nass) stellenweise enormen Artenreichtum auf, mit vielen seltenen bis sehr seltenen Arten, der dem Artenreichtum der gemähten Halbtrockerasen auf Kalk gleichkommt und mit jenen damit zu den artenreichsten Biotopen Mitteleuropas zählt.

Pfeifengraswiesen wurden traditionell immer als Streuwiesen genutzt, d.h. das Mähgut wurde in den Stall gestreut. Sie waren im 19. Jahrhundert z.T. wertvoller als Futterwiesen. Seit der leichteren Verfügbarkeit von Stroh durch den Eisenbahnbau und später v.a. seit der Einführung der Spaltenböden verlor die Streuwiese, v.a. im ALpenvorland, an Bedeutung. Viele wurden aufgegeben oder entwässert und aufgedüngt. Seit einigen Jahren erfahren die Streuwiesen im Voralpenraum stellenweise eine kleine Renaissance, gefördert durch Vertragsnaturschutz und durch wiedererstarkte Nachfrage infolge der Vermehrung des Biolandbaus und der teilweise Abkehr von den nicht-tiergerechten Spaltenböden.

Typische Arten sind neben dem Pfeifengras (Molinia coerulea und M. arundinacea) und typischen Wehchselfeuchtezeigern wie Große Wiesenknopf (Sanguisorba officinalis) oder Wiesensilau (Silaum silaus) verschiedene Orchideen (Dactylorhiza majalis, D. incanata, D. ochroleuca, Epipactis palustris, Orchis coriophora u.a.), Teufelsabbiss und Moorabbiss (Succisa pratensis und Succisella inflexa), die Anhang II-Art Sumpf-Gladiole (Gladiolus palustris), Nordisches Labkraut (Galium boreale), Lungenenzian (Gentiana pneumonanthe), Mehlprimel (Primula farinosa), Färberscharte (Serratula tinctoria), Wollgräser (v.a. Eriophorum latifolium) u.v.a.

Pfeifengraswiesen sind aufgrund ihres Blütenreichtums auch für viele Insektenarten wichtige Lebensräume, so z.B. für die seltenen Tagfalterarten Goldener Scheckenfalter (Euphydryas aurinia), Großer Feuerfalter (Lycaena dispar), Dunkler und Heller Wiesenknopf-Ameisen-Bläuling sowie Lungenenzian-Ameisenbläuling (Maculinea nausithous, M. teleius, M. alcon), Mädesüß-Perlmutterfalter (Brenthis ino) oder der seltene Ried-Teufel (=Blaukernauge) (Minois dryas).

Beschreibende Pflanzenarten

Blaues PfeifengrasEchte BetonieGroßer WiesenknopfSibirische SchwertlilieBreitblättrige FingerwurzGefleckte FingerwurzGroße HändelwurzSteifblättrige FingerwurzSumpf-Ständelwurz

Verbreitung

Pfeifengraswiesen finden sich v. a. im Süden und Osten Deutschlands. Sie haben ihren Verbreitungsschwerpunkt zum einen im Bereich der Mecklenburgischen Seenplatte und den Mittelbrandenburgischen Niederungen, zum anderen im bayerischen Voralpenland.

© Verbreitungskarte. Quelle: BfN/BMUB 2013: Nationaler Bericht Deutschlands nach Art. 17 FFH-Richtlinie, 2013; basierend auf Daten der Länder und des Bundes. Datengrundlage: Verbreitungsdaten der Bundesländer und des BfN. URL: www.bfn.de (zuletzt aufgerufen am: 23.02.2016)

Gefährdung und Management

Die Hauptgefährdungsfaktoren für den Lebensraumtyp sind die Entwässerung, die Verbuschung aufgrund der Nutzungsaufgabe, Nährstoffeintrag (z. B. durch Düngung), zu intensive Mahd- oder Beweideung sowie der Umbruch der Flächen nach Entwässerung.
Zum Erhalt ist mindestens eine gelegentliche Pflegemahd (alle drei bis fünf Jahre) erforderlich. Besser ist eine einmalige Herbstmahd (Streunutzung), um die Verbuschung zu verhindern. Düngung ist komplett zu unterlassen oder (selten) eine sehr moderate Düngung mit Festmist möglich. Weiterhin muss ein ausreichend hoher Grundwasserspiegel erhalten oder wiederhergestellt werden.

Kartierhinweise

Abgrenzungskriterium ist das Vorkommen von Vegetation der aufgeführten Gesellschaften. Artenarme Dominanzbestände des Pfeifengrases, insbesondere als Degenerationsstadien von Hochmooren, sind ausgeschlossen.

Vorkommen im Kontakt zu kalkreichen Niedermooren (LRT 7230) können ggf. als Bestandteil des Niedermoor-Komplexes angesehen und dann im Lebensraumtyp 7230 erfasst werden (vgl. dort). Ein solches Vorgehen sollte nur dann gewählt werden, wenn anhand der Geländestrukturen oder der Kontaktbiotope eine Betrachtung der Pfeifengraswiesen und der Niedermoor-Vorkommen als eine Einheit sinnvoll erscheint (kleinflächiges standörtliches Mosaik).

Literatur

  • URL: BfN www.bfn.de/lrt/0316-typ6410.html
  • Oberdorfer, E. (Hrsg.) (1993): Süddeutsche Pflanzengesellschaften Teil 3., Wirtschaftswiesen und Unkrautgesellschaften. 3. Aufl. G. Fischer, Jena. 455 S.
  • Ellenberg, H. & Leuschner, C. (2010): Vegetation Mitteleuropas mit den Alpen. 6. Aufl. Ulmer Stuttgart. 1357 S.
  • Wilmanns, O (1998): Ökologische Pflanzensoziologie. 6. Aufl. UTB. 405 S.
  • Nitsche, L. & Nitsche, S. (1994): Extensive Grünlandnutzung. - Verlag Neumann, Radebeul. 247 S.
  • Dierschke, H. & Briemle, G. (2002): Kulturgrasland. Ulmer. Stuttgart. 240 S.
  • Briemle, G. (2003): Ansprache und Förderung von Extensiv-Grünland. Neue Wege zum Prinzip der Honorierung ökologischer Leistungen der Landwirtschaft in Baden-Württemberg. Naturschutz und Landschaftsplanung 32 (6): 171-175.
  • Poschlod, P. (2015): Geschichte der Kulturlandschaft. Ulmer, Stuttgart. 320 S.
  • Kiessling, U. & Zehm, A. (2014): Inwertsetzung von bunten Streuwiesen durch optimierte Nutzung als Markenzeichen - Ergebnisse des LEADER-Projekts „Allgäuer Streueverwertung“ in der Urlaubsregion Allgäu. ANLiegen Natur 36(1): 108–116.

Datum: 08.12.2019
Online: https://www.natura2000manager.de/oekologie/lebensraeume/grasland/pfeifengraswiesen-auf-kalkreichem-boden-torfigen-und-tonig-schluffigen-boeden-molinion-caeruleae/
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