natura2000 MANAGER Thüringen:
„Grundlagen, Ökologie und Management von Natura2000-Arten und -Lebensraumtypen in Thüringen“

Prof. Dr. Stefan Brunzel
Landschaftsarchitektur
Biologische Vielfalt /
Artenschutz

Fachhochschule Erfurt

Ansprechpartner

Prof. Dr. Stefan Brunzel
0361 / 6 700 296
Dr. Martin Sommer
0981 / 1800 99 0
Magere Flachland-Mähwiesen
© Foto: R. Manderbach, www.deutschlands-natur.de

Magere Flachland-Mähwiesen

Magere Flachland-Mähwiesen (Alopecurus pratensis, Sanguisorba officinalis). Natura2000 - Code: 6510

Artenreiche, extensiv bewirtschaftete Mähwiesen des Flach- und Hügellandes (planar bis submontan) des Arrhenatherion- bzw. Brachypodio- Centaureion nemoralis-Verbandes. Dies schließt sowohl trockene Ausbildungen (z. B. Salbei-Glatthaferwiese) und typische Ausbildungen als auch extensiv genutzte, artenreiche, frische-feuchte Mähwiesen mit Großem Wiesenknopf oder Kohldistel ein. Im Gegensatz zum Intensivgrünland blütenreich, wenig gedüngt und erster Heuschnitt nicht vor der Hauptblütezeit der Gräser.

Flachland-Mähwiesen, auch Glatthaferwiesen genannt, sind artenreiche, extensiv bewirtschaftete Mähwiesen des Flach- und Hügellandes (planar bis submontan) des Arrhenatherion- bzw. Brachypodio- Centaureion nemoralis-Verbandes. Dies schließt sowohl trockene Ausbildungen (z. B. Salbei-Glatthaferwiese) und typische Ausbildungen als auch extensiv genutzte, artenreiche, frische-feuchte Mähwiesen mit Kohldistel (Cirsium oleracium) oder Großem Wiesenknopf (Sanguisorba officinalis) ein. Im Gegensatz zum Intensivgrünland siend die Wiesen blütenreich und wenig gedüngt. Sie wurden traditionell als Heuwiesen genutzt und der erste Schnitt findet nicht vor der Hauptblütezeit der Gräser statt, i.d.R. ab Mitte Juni ("Johanni-Schnitt"). Die Wiese sind meist zweischürig, der zweite Schnitt ("Grummet") geschieht im Spätsommer. Historisch gehörte auch die Vor- und/oder Nachweide durch Schafe zur regelmäßigen Nutzung.

Typische Pflanzenarten der (nicht überdüngten) Mähwiesen sind Glatthafer (Arrenatherum elatius), Ruchgras (Anthoxanthum odoratum), Spitzwegerich (Plantago lanceolata), Wiesenpippau (Crepis biennis), Wiesen-Labkraut (Galium mollugo), Wiesen-Flockenblume (Centaurea jacea), Margerite (Leucanthemum vulgare), Wiesen-Glockenblume (Campanula patula) oder Wiesen-Bocksbart (Tragopogon pratense). Auf feuchten oder wechselfeuchten Standorten kommt häufig der Große Wiesenknopf (Sanguisorba officinalis), der Wiesen-Silau (Silaum silaus) oder die Kohldistel (Cirsium oleracium) vor, auf trockenen sog. Salbei-Glatthaferwiesen, die zu den Halbtrockerasen überleiten, der Wiesensalbei (Salvia pratensis). Alle diese Arten verschwinden i.d.R bei starker Düngung. Hingegen nehmen dann typische Stickstoffzeiger zu wie z.B. Löwenzahn (Taraxacum officinale), Wiesenkerbel (Anthriscus sylvestris), Wiesen-Fuchsschwanz (Alopecurus pratensis), Wiesen-Lieschgras (Phleum pratense), Wiesen-Bärenklau (Heracleum sphondylium) oder Sauerampfer (Rumex acetosa).

Eine mitteleuropäische Besonderheit stellen nasse nicht entwässerte traditionell gedüngte Mähwiesen dar, die sog. "Sumpfdotterblumenwiesen" des Verbands Calthion, die aufgrund der flächendeckenden Entwässerungen und Meliorationen in Deutschland heute kaum mehr zu finden sind und eines besonderen Schutzes bedürfen. Dieser Lebensraumtyp wurde bei Erlass der FFH-Richtlinie leider vergessen und muss bei einer Revision aufgenommen werden, da Deutschland eine sehr hohe Verantwortung für den Erhalt dieses Lebensraums hat.

Naturschutzfachlich besonders bedeutsam sind die wechselfeuchten Bestände mit Großem Wiesenknopf für die beiden Wiesenknopf-Ameisenbläulinge, die auf den Anhängen II und IV der FFH-Richtlinie stehen (Maculinea nausithous und M. teleius) und die v.a. in den letzten Jahren extrem zurückgegangen sind.

Natürlicherweise nährstoffreiche Standorte (z.B. in Flussauen, die früher wegen der Hochwassergefahr ausschließlich als Grünland genutzt wurden), die die wichtigsten Nährstoffe (v.a. Stickstoff u. Phosphor) regelmäßig und dauerhaft oder zumindest über viele Jahrzehnte nachliefern, benötigen kaum zusätzliche Düngung. Magerere Standorte wurden stets moderat mit Festmist gedüngt. Lang anhaltender Düngeverzicht auf mageren Standorten führt wie die Überdüngung auf Dauer zu einer Artenverarmung, wenn auch langsamer und weniger stark als bei Überdüngung. Das dauerhafte Düngeverbot vieler Naturschutzprogramme bei Agraumwelt- oder Ausgleichsmaßnahmen kann daher kontraproduktiv sein und sollte vielfach überdacht werden. Künftig sollte im Naturschutz auf vielen Mähwiesenstandorten nach Möglichkeit moderate Düngung zugelassen werden.

Heute werden in der konventionellen wie in der biologischen Landwirtschaft Flachlandmähwiesen meist als Silagewiesen genutzt und stark gedüngt, i.d.R. mit Gülle. Beides führt zu einer Vorverlegung des ersten Schnitts auf Ende April/Anfang Mai. Je nach Niederschlagsmenge werden die Wiesen heute 3-4 mal (in trockenen Regionen) bis zu 7 mal in feuchten Gebieten (z.B. Allgäu) gemäht. Durch die kurzen Abstände zwischen den Schnitten wird es wiesenbrütenden Vögel unmöglich, eine Brut durchzubringen. Dies ist einer der Gründe für den enormen Rückgang der typischen Wiesenbrüter wie z.B. Wiesenweihe, Großer Brachvogel, Braunkehlchen, Wachtel und Wachtelkönig.

Hinzu kommt für die Wiesenbrüter ebenso wie für die Insektengemeinschaften und andere Kleintiere der ungünstige Umstand, dass durch den rasanten Fortschritt der Mähtechnik das Tötungsrisiko stark angestiegen ist. Wurden früher die Wiesen mit Sensen und später mit Messerbalken gemäht, dem die meisten Tiere entfliehen können, geschieht die Mahd heute i.d.R. durch sehr effiziente sog. Kreiselmäher. Diese bewirken erstens eine starke Sogwirkung unter den Mähschürzen, die die Insekten regelrecht ansaugt, zweitens wurde die Fahrgeschwindigkeit des Mähfahrzeugs dadurch immer weiter erhöht. Zum Dritten geschieht die Mahd einer Wiese meistens in Kreisen von außen nach innen, was eine Fallenwirkung für die Tiere erzeugt. Viele Naturschutzprogramme zum Schutz oder naturschutzfachlichen Aufwertung von Mähwiesen verlangen daher die Mahd mit Messerbalken und/oder die Mahd von innen nach außen oder im "Zickzack", um den Tieren eine Fluchtmöglichkeit zu bieten.


Beschreibende Pflanzenarten

Gewöhnlicher GlatthaferGewöhnliches KnäuelgrasGroßer WiesenknopfMargeriteRundblättrige GlockenblumeScharfer HahnenfußWiesen-FlockenblumeWiesen-FuchsschwanzWiesen-GlockenblumeWiesen-StorchschnabelWiesensalbei

Verbreitung

Magere Flachland-Mähwiesen findet man in fast allen Teilen Deutschlands. In Norddeutschland, insbesondere in den küstennahen Bereichen sind sie jedoch weniger verbreitet und artenärmer ausgebildet als in Süddeutschland. Teilweise hängt dies auch damit zusammen, dass die Flächen in Süddeutschland kleinräumiger sind und immer wieder Parzellen erhalten wurden, welche durch kleinräumig-kleinbäuerliche extensive Landwirtschaft gepflegt wurden.

Auch in Süddeutschland gibt es große Unterschiede. So kommen in Bayern und Baden-Württemberg vor allem im Norden im Bereich des schwäbischen und fränkischen Jura mit geringen Niederschlägen und durchlässigeren Böden noch viele artenreiche Bestände vor, während in Südbayern, v.a. im tertiären Hügelland, in Niederbayern und im Allgäu, nur noch wenige artenreiche Bestände übriggeblieben sind.

© Verbreitungskarte. Quelle: BfN/BMUB 2013: Nationaler Bericht Deutschlands nach Art. 17 FFH-Richtlinie, 2013; basierend auf Daten der Länder und des Bundes. Datengrundlage: Verbreitungsdaten der Bundesländer und des BfN. URL: www.bfn.de (zuletzt aufgerufen am: 23.02.2016)

Gefährdung und Management

Durch die Änderung der Grünlandnutzung (Vielschürigkeit, früher erster Schnitt, Düngung) sind magere Flachland-Mähwiesen in der Vergangenheit stark zurück gegangen. Darüber hinaus stellen allen voran der Umbruch zu Acker, aber auch Nutzungsaufgabe (Verbuschung), Aufforstung oder die Veränderung der Grundwasserverhältnisse wesentliche Gefährdungsfaktoren dar.

Einer der wichtigsten Punkte für den Schutz des Lebensraumtyps ist die Fortsetzung oder Wiedereinführung der traditionellen Nutzung mit Mahd ab Mitte Juni und höchstens mäßiger Düngung. Eine extensive Vor- und/oder Nachbeweidung ist möglich.

Zudem sollte zum Schutz der Tiergemeinschaften die Mahd nach Möglichkeit tierschonend durchgeführt werden (Messerbalken, von innen nach außen...).

Kartierhinweise

Hauptkriterium der Zuordnung zu diesem Lebensraumtyp ist die Ausbildung der Vegetation, also die eindeutige Zuordnung zum Verband des Arrhenatherion. Artenreiche Mähwiesen sind Bestände, die für die jeweilige Gesellschaft typisch ausgebildet sind und eine hohe Zahl charakteristischer Pflanzenarten aufweisen. Weist ein Bestand eine typische Artenkombination eines der genannten Syntaxa auf, so ist er unabhängig von der aktuellen Intensität seiner Nutzung als Vorkommen dieses Lebensraumtyps zu erfassen. Damit sind neben reinen Mähwiesen ggf. auch Mähweiden oder junge Brachestadien, eingeschlossen. Die Abgrenzung von den Bergwiesen (6520 Polygono-Trisetion) erfolgt anhand der charakteristischen Pflanzenarten des jeweiligen Lebensraumtyps.

Literatur

  • URL: BfN www.bfn.de/lrt/0316-typ6510.html
  • Oberdorfer, E. (Hrsg.) (1993): Süddeutsche Pflanzengesellschaften Teil 3., Wirtschaftswiesen und Unkrautgesellschaften. 3. Aufl. G. Fischer, Jena. 455 S.
  • Ellenberg, H. & Leuschner, C. (2010): Vegetation Mitteleuropas mit den Alpen. 6. Aufl. Ulmer Stuttgart. 1357 S.
  • Wilmanns, O (1998): Ökologische Pflanzensoziologie. 6. Aufl. UTB. 405 S.
  • Dierschke, H. & Briemle, G. (2002): Kulturgrasland. Ulmer. Stuttgart. 240 S.
  • Nitsche, L. & Nitsche, S. (1994): Extensive Grünlandnutzung. - Verlag Neumann, Radebeul. 247 S.
  • Briemle, G. (2003): Ansprache und Förderung von Extensiv-Grünland. Neue Wege zum Prinzip der Honorierung ökologischer Leistungen der Landwirtschaft in Baden-Württemberg. Naturschutz und Landschaftsplanung 32 (6): 171-175.
  • Poschlod, P. (2015): Geschichte der Kulturlandschaft. Ulmer, Stuttgart. 320 S.

Datum: 20.11.2019
Online: https://www.natura2000manager.de/oekologie/lebensraeume/grasland/magere-flachland-maehwiesen-alopecurus-pratensis-sanguisorba-officinalis/
© 2019 Prof. Dr. Stefan Brunzel – All rights reserved.

Schließen